Wer Ethik Assessment hört, denkt: Workshop. Post-its. Denkt an Leute, die sich zwei Stunden um einen Tisch setzen und irgendwann mit einem hippen Foto des Teams vor einem vollgeschriebenen Whiteboard (für LinkedIn) auseinandergehen, auf dem Gedöns steht wie „Transparenz“, „Fairness“, „Verantwortung“ – und von dem niemand mehr weiß, wer was damit machen soll. Also außer, es mit irgendwelchem bedeutungsschwangerem Zeugs und ein paar lustigen Emojis zusammen bei LinkedIn zu posten.
Das ist aber kein Ethik Assessment. Das ist Gruppentherapie mit Buzzwords.
Wenn ich mit einem Team arbeite, das eine EU-Horizon-Förderung hat, beginnt die eigentliche Arbeit nicht mit einem Framework und auch nicht mit einem Workshop. Sie beginnt mit einer deutlich langweiligeren Frage: Was weiß ich noch nicht – und wer im Team weiß es?
Erst verstehen, dann urteilen
Phase 1 des EthaaS-Prozesses ist ein Wissenstransfer. Nicht mehr und nicht weniger. Das Projektteam kennt sein Vorhaben, seine Zielgruppen, seine blinden Flecken.
Ich nicht. Bevor ich irgendwas über die ethischen Implikationen eines Projekts sagen kann, muss ich verstehen, was das Projekt eigentlich tut – technisch, organisatorisch, gesellschaftlich.
Klingt selbstverständlich? Ist es aber nicht. Zu viele Ethik-Prozesse beginnen mit vorgefertigten Leitfragen und enden mit Antworten, die nichts mit dem konkreten Projekt zu tun haben. „Habt ihr an den Datenschutz gedacht?“ – ja, haben alle. Ok, weiter. Und nu?
Mein Ansatz: erst kompilieren, dann analysieren. Und für die Kompilierungsphase nutze ich — neben einer ersten Orientierungsrunde — Fragebögen.
„Ein Fragebogen?“ Ja. Ein Fragebogen.
In einer Welt, in der alle von agilen Methoden, Design Thinking und co-kreativen Prozessen reden, klingt „ich schick euch einen Fragebogen“ ungefähr so hot wie ein Faxgerät.
Aber: Moderne Methode und gute Methode sind nicht dasselbe. Wer ein Instrument nach seiner Außenwirkung auswählt statt nach seiner Eignung, hat nicht unbedingt das Ziel im Blick.
Und hier ist das erklärte Ziel: In extrem kurzer Zeit, mit minimaler Beanspruchung der Team-Ressourcen ein optimales Ethik-/Compliance-Assessment für die EU Horizon Ansprüche zu schaffen – also formal einwandfrei und inhaltlich mit größter Tiefe.
Was der Fragebogen wirklich kann
Erstens: Er ist asynchron.
Niemand muss seinen Kalender blockieren. Niemand muss aus dem Tagesgeschäft gerissen werden. Die Entwicklerin füllt ihn aus, wenn es ihr passt. Der Projektleiter auch. Das klingt nach einer logistischen Kleinigkeit – ist es aber nicht. Wer in Ruhe antwortet, antwortet anders als wer im Workshop spontan reagiert. Man denkt nach. Man schaut nochmal in ein Dokument. Man kommt auf Details, die im Gespräch nie aufgetaucht wären.
Zweitens: Er ist konsistent.
Jede Person im Team bekommt dieselben Fragen in derselben Formulierung. Das bedeutet: Ich kann Antworten vergleichen, Widersprüche erkennen, Leerstellen identifizieren. In einem Gruppengespräch entscheidet die Dynamik im Raum, was gesagt wird – und was nicht. Im Fragebogen entscheidet die Person selbst.
Drittens: Er stellt die unbequemen Fragen.
Das ist der Punkt, der am meisten unterschätzt wird.
Ethische Probleme in Projekten sind selten die offensichtlichen. Sie stecken in den Annahmen, die nie ausgesprochen werden. Wessen Daten werden eigentlich verarbeitet – und haben diese Menschen zugestimmt? Welche Personengruppen sind im Trainingsdatensatz unterrepräsentiert, und was bedeutet das für die Ausgaben des Systems? Welche Risiken wurden früh aus dem Scope genommen, weil sie „zu komplex“ waren?
Solche Fragen stellt man nicht mitten in einem Workshop, wenn der Projektleiter dabei sitzt. Well, okay, man kann diese Fragen stellen. Aber man sollte nicht unbedingt mit ehrlichen Antworten rechnen.
Also: Die stellt man schriftlich, strukturiert, ohne sozialen Druck. Und genau das tut ein guter Fragebogen.
Also: Manchmal ist die unspektakuläre Methode die richtige. Nicht die, die irgendwie sexy [sprich: hip, trendy, auf LinkedIn viral, etc.] ist. Sondern die, die funktioniert.

